Wie aus einer schweren Zeit Plückefinken entstand – Teil 1

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Am Anfang von Plückefinken stand kein fertiger Geschäftsplan. Da war zuerst nur der Wunsch, mein Leben und meine Arbeit wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Schon der Gedanke daran, am nächsten Tag wieder so früh aufstehen zu müssen, bereitete mir jeden Abend Bauchschmerzen. Aber es half nichts. Also klingelte mein Wecker jeden Tag aufs Neue um kurz vor 4 Uhr. Dann hieß es: schnell die Kinder fertig machen, ab zum Kindergarten und dann im Schweinsgalopp auf die Autobahn. Denn um Punkt 7 Uhr musste ich an der Stechuhr in Wismar sein. Da mein Mann zu der damaligen Zeit häufig auf Montage war, blieb der größte Teil der täglichen Organisation an mir hängen. 

In Wismar saß ich als Technische Zeichnerin in einem Großraumbüro und arbeitete unter hohem Druck. Insgesamt war ich rund 15 Jahre in diesem Beruf tätig. Lange hielt ich die Belastung durch Arbeit, Fahrerei, Kinder und Haushalt aus. Bis es irgendwann nicht mehr ging.

Als mein Alltag nur noch aus Funktionieren bestand

Ob es 2010 oder 2011 war, weiß ich heute nicht mehr genau. Ich erlitt einen Burnout und erkrankte an Depressionen. Ich wurde für längere Zeit krankgeschrieben und es folgten mehrere Therapien. Dabei wurde mir klar, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Ich brauchte nicht nur eine Pause, sondern eine grundsätzliche Veränderung.

Als ich mein Arbeitsverhältnis später nach Rücksprache mit der Agentur für Arbeit selbst kündigte, war da vor allem eines: Erleichterung. 

„Das Gefühl lässt sich gar nicht beschreiben, als ich wusste: Ich muss nie wieder dorthin.“

Wie mein neuer beruflicher Weg aussehen würde, war damals noch offen. Aber der Gedanke, nie wieder in diese Situation zurückzumüssen, fühlte sich richtig an.

Klar war nur, was sich ändern musste. Ich wollte selbstbestimmter arbeiten, wieder Raum für Kreativität haben und meine Arbeit besser mit unserem Familienleben verbinden können. Nach der langen Zeit, in der mein Alltag vor allem von Terminen, Fahrtwegen und dem Funktionieren bestimmt gewesen war, wurde dieser Wunsch immer stärker.

Die ersten Schritte in eine andere Richtung hatten allerdings schon früher begonnen.

Wie ich das Nähen für mich entdeckte

Während einer Mutter-Kind-Kur lernte ich 2008 oder 2009 meine nähbegeisterte Freundin kennen. Bei einem späteren Besuch nahm sie mich mit auf einen holländischen Stoffmarkt. Die vielen Farben, Muster und Materialien überwältigten mich. Bis dahin hatte Nähen in meinem Leben keine große Rolle gespielt. Dort wurde mein Interesse am Nähen geweckt.

Während meiner Krankheitszeit begann ich, mich intensiver mit dem Nähen zu beschäftigen. Es war für mich ein Ausgleich und eine Art Selbsttherapie. Ich konnte etwas mit meinen Händen erschaffen und mich auf eine Sache konzentrieren.

Zu meinem 34. Geburtstag im Jahr 2012 schenkte ich mir selbst eine Nähmaschine. Meine Freundin zeigte mir die Grundlagen. Und dann packte mich das Nähfieber. Sie erklärte mir die Fadenspannung, die Stichlänge, die verschiedenen Nadeln und Stiche und wie man eine Naht richtig verriegelt. Alles Weitere brachte ich mir selbst bei. Ich las viel, recherchierte und probierte aus. Manches funktionierte sofort, anderes erst nach mehreren Versuchen.

Ich hatte keine klassische Ausbildung im Nähen. Deshalb bestand mein Weg aus vielen kleinen Lernschritten. Ich musste verstehen, welche Stoffe sich wofür eignen, wie Schnitte aufgebaut sind und wie aus einer Idee ein Produkt wird, das auch im Alltag funktioniert. Dieses selbstständige Lernen begleitete mich später auch beim Aufbau von Plückefinken.

Dass daraus einmal ein Unternehmen entstehen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Aber das Nähen gab mir etwas zurück, das mir lange gefehlt hatte. Ich konnte selbst entscheiden, was ich machen wollte und wie ich es umsetzte.

Ein beruflicher Neuanfang mit Vorbereitung

Nach meiner Kündigung arbeitete ich zunächst in der Küche unseres Kindergartens. Dort bereitete ich das gelieferte Mittagessen vor, wusch ab und richtete das Essen für die Kinder in Kita und Hort. Ich mochte diese Arbeit auch deshalb, weil meine eigenen Kinder dort waren und ich sie dadurch häufiger sehen konnte.

Gleichzeitig beschäftigte ich mich immer ernsthafter mit der Frage, ob aus dem Nähen ein neuer Weg werden könnte. Ich besuchte zwei Existenzgründerkurse, führte Gespräche und recherchierte viel. Für mich war die Selbstständigkeit von Anfang an, ein echter beruflicher Neustart.

Am 24. September 2013 meldete ich mein Gewerbe an. Mein Shop auf DaWanda hieß von Anfang an Plückefinken.

Der Name „Plückefinken“ stammt übrigens aus meiner Kindheit und ist plattdeutsch. Wenn ich bastelte, schnitt oder viele kleine Dinge herstellte, sagte meine Mutter zu mir: „Na, machst du wieder Plückefinken?“ Mit diesem Wort verbinde ich Kreativität und schöne Erinnerungen. Deshalb passte es für mich zu allem, was ich damals aufbauen wollte.

Aber mit der Gewerbeanmeldung begann kein plötzlicher Erfolg. Sie war der offizielle Start in eine Zeit, in der ich vieles gleichzeitig lernen musste. Ich nähte, entwickelte Produkte, fotografierte sie, stellte sie online und kümmerte mich um den Verkauf. Für die Selbstständigkeit hatte ich mich trotzdem ganz bewusst entschieden. Ich wollte mir damit eine neue berufliche Perspektive schaffen.

Viele Produkte und die ersten Leseknochen

Mein Sortiment war in den ersten Jahren wirklich sehr bunt. Ich nähte Kinderkleidung, Taschen, Kissen, Accessoires und eigentlich alles, was mir unter die Nadel kam und Freude machte. Auch Leseknochen gehörten von Anfang an dazu. Sie waren jedoch zunächst eines von vielen Produkten.

Die Idee für den Leseknochen hatte ich auf einer amerikanischen Webseite entdeckt. Ich probierte ihn aus und merkte gleich, dass die Proportionen nicht ganz passten. Durch meine Ausbildung und meine langjährige Arbeit als Technische Zeichnerin fiel es mir leicht, die Form zu verändern und die Maße anzupassen. So entstand meine eigene Variante.

Der Leseknochen passte gut zu mir. Ich las schon damals leidenschaftlich gern und tauschte regelmäßig Bücher mit meiner Freundin. Natürlich nutzte ich den Leseknochen auch selbst. Trotzdem dachte ich noch nicht daran, ihn zum Mittelpunkt von Plückefinken zu machen. Er stand neben all den anderen Dingen, die ich nähte und verkaufte.

Von einem Kreativmarkt zum nächsten

Ab 2014 kamen dann die ersten Kreativmärkte dazu. Eine Zeit lang war ich ständig auf Achse und fuhr durch ganz Deutschland von einem Kreativmarkt zum nächsten. In Spitzenzeiten waren es bis zu 50 Märkte im Jahr. Hinter jedem einzelnen steckte viel mehr Arbeit als nur der Verkauf am Stand. Die Produkte mussten genäht, vorbereitet, verpackt und transportiert werden. Dazu kamen Anreise, Aufbau, Hotel und Verpflegung. 

Über längere Zeit drehte sich bei mir fast alles nur um den nächsten Markt. Während ich unterwegs war oder den kommenden Stand vorbereitete, blieb kaum Zeit für meinen Onlineshop. Auch für meine Familie blieb wieder wenig Zeit. Dabei hatte ich mich gerade deshalb selbstständig gemacht: Ich wollte freier arbeiten und mehr bei meiner Familie sein. Stattdessen war ich erneut in einem Alltag angekommen, in dem ich fast nur noch arbeitete.

Jeder Markt war außerdem ein finanzielles Risiko, denn viele Kosten fielen unabhängig davon an, wie viel ich dort verkaufte. Bei Märkten im Freien konnte schlechtes Wetter den Umsatz zusätzlich beeinflussen. So ließ sich nur schwer vorhersehen, ob sich die Vorbereitung und das ganze Wochenende am Ende lohnen würden.

2017 wurde immer deutlicher, dass die Märkte wirtschaftlich nicht mehr tragfähig waren. Die Kosten waren hoch, die Umsätze häufig zu niedrig und eine verlässliche Planung kaum möglich. Ich arbeitete gefühlt rund um die Uhr, doch Plückefinken gab uns keine wirtschaftliche Sicherheit.

Meine Eltern unterstützten uns in dieser Zeit finanziell und emotional. Dafür bin ich bis heute dankbar. Gleichzeitig wusste ich, dass es so nicht dauerhaft weitergehen konnte. Ich hatte in den vergangenen Jahren viel gelernt, doch mein Geschäftsmodell funktionierte nicht so, wie ich es brauchte.

Im Februar 2018 stand ich bei der Hobby Kreativ in Neubrandenburg. Wenn ich mich recht erinnere, war es mein letzter Kreativmarkt. Damals war mir bereits klar, dass sich etwas ändern musste. Eine konkrete Idee, wie es mit Plückefinken weitergehen könnte, hatte ich jedoch noch nicht.

Der Antrag auf dem Küchentisch

Ende Februar oder Anfang März 2018 gingen mein Mann und ich dann zum Jobcenter, um die Unterlagen für den Hartz-IV-Antrag zu holen. Da lag er nun als dicker Stapel auf unserem Küchentisch.

Ich begann zu lesen. Ich las Seite 1, Seite 2, dann Seite 3 und je mehr ich las, desto unwohler wurde mir. Wieder sollte ich Auskunft geben, wieder Rechenschaft über unser gesamtes Leben ablegen und wieder von den Entscheidungen anderer abhängig sein.

„Da sträubte sich alles in mir. Ich wollte nicht wieder abhängig sein. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen.“

Die vergangenen Jahre hatten mir gezeigt, dass Fleiß allein nicht reicht, wenn das Geschäftsmodell nicht trägt. Ich konnte nicht einfach so weitermachen wie bisher. Gleichzeitig wollte ich meine Selbstständigkeit nicht aufgeben und auch nicht in mein früheres Arbeitsleben zurückkehren.

Der Antrag blieb unausgefüllt auf dem Küchentisch liegen. Wie ich Plückefinken verändern würde, war mir damals noch nicht klar. Aber eines wusste ich ganz genau: Diesen Antrag wollte ich nicht ausfüllen.

Nur wenige Wochen später traf ich eine Entscheidung, die Plückefinken vollständig verändern sollte.

(Bald geht’s weiter mit Teil 2.)

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